Forum Bedrohungsmanagement e.V.
 


 

Editorial - 
Bedrohungsmanagement beginnt mit Selbstreflexion - Warum modernes Bedrohungsmanagement gesellschaftliche Verantwortung braucht

Sicherheit gilt in einer hochkomplexen Welt als hohes Gut. Steigende gesellschaftliche Anspannung, aggressive Rhetorik im öffentlichen Raum und zunehmende Polarisierung führen dazu, dass Organisationen und Behörden sensibler auf Verhaltensauffälligkeiten reagieren. Der verständliche Wunsch von Belegschaften und der Öffentlichkeit ist klar: Potenzielle Gefahren sollen erkannt und entschärft werden, noch bevor Schadensereignisse wie zielgerichtete Gewalt oder Amoktaten entstehen.
Professionelles Bedrohungsmanagement soll hierzu einen Beitrag leisten. Sein Ziel besteht nicht darin, zukünftige Gewalttaten vorherzusagen. Es geht vielmehr darum, Risikofaktoren, Eskalationsdynamiken und mögliche Gefährdungen frühzeitig zu erkennen, um geeignete Maßnahmen zur Risikoreduzierung einzuleiten. Diese Unterscheidung ist wesentlich, denn menschliches Verhalten lässt sich nicht mit Sicherheit prognostizieren. Entscheidungen müssen daher häufig unter Bedingungen getroffen werden, die durch Unsicherheit und unvollständige Informationen geprägt sind.

Das methodische Grundproblem vor der Tat
Aus dieser Erwartungshaltung erwächst die zentrale Herausforderung der Gefahrenprävention: Wer interveniert, bevor ein konkretes Delikt vorliegt, bewegt sich zwangsläufig im Bereich von Risikoeinschätzungen und Plausibilitäten.
Anders als in der klassischen Strafverfolgung existieren im Vorfeld selten eindeutige Beweise. Häufig liegen lediglich Verhaltensveränderungen, belastende Lebensereignisse, besorgniserregende Äußerungen oder eskalierende Konflikte vor. Solche Hinweise können relevant sein, erlauben aber oftmals keine eindeutigen Schlussfolgerungen.
Aus vorsorglichem Schutz darf deshalb keine pauschale Kriminalisierung menschlicher Krisen werden. Die Verpflichtung zur Risikominimierung darf nicht dazu führen, auffällige Personen vorschnell als Sicherheitsrisiko einzuordnen oder ihnen Unterstützung und professionelle Hilfe zu verweigern. Gerade weil Bedrohungsmanagement häufig in einem Vorfeld konkreter Straftaten stattfindet, müssen Maßnahmen verhältnismäßig bleiben und die Rechte der betroffenen Personen berücksichtigen. Prävention darf weder den Schutz potenziell Betroffener noch die berechtigten Interessen der auffällig gewordenen Person aus dem Blick verlieren.
Genau an dieser Stelle wird Bedrohungsmanagement zu einer ethischen Herausforderung. Je früher Prävention ansetzt, desto größer ist die Unsicherheit, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden. Fachliche Methoden können Risiken strukturieren und bewerten, sie nehmen Verantwortlichen jedoch nicht die schwierige Abwägung ab: Wann ist ein Eingreifen notwendig, und wann besteht die Gefahr, Menschen aufgrund von Vermutungen oder belastenden Lebenssituationen ungerecht zu behandeln? Ethik im Bedrohungsmanagement ist daher kein wünschenswerter Zusatz zum Bedrohungsmanagement, sondern eine notwendige Voraussetzung professioneller Präventionsarbeit.

Ethische Leitlinien als dynamischer Aushandlungsprozess
Ethische Leitlinien entfalten ihren Wert nicht in abstrakten Grundsatzpapieren, sondern im konkreten Einzelfall. Im Bedrohungsmanagement treffen regelmäßig legitime Interessen aufeinander: das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit, die faire und respektvolle Behandlung einer auffälligen Person sowie die fachliche Verpflichtung, eigene Einschätzungen fortlaufend zu hinterfragen.

Schutz von Betroffenen und ihrem Umfeld
Bedrohungen betreffen selten nur die unmittelbar gefährdete Person. Gerade bei Stalking, Belästigung oder personenbezogenen Konflikten leiden häufig auch Familienangehörige, Kolleginnen und Kollegen oder andere Bezugspersonen unter den Auswirkungen. Prävention muss daher wirksam schützen und Gefährdungen ernst nehmen.

Respekt gegenüber auffälligen Personen
Auch Menschen, deren Verhalten Anlass zur Sorge gibt, haben Anspruch auf einen fairen, wertschätzenden und würdevollen Umgang. Nicht jede Krise ist eine Gefahr, und nicht jede Auffälligkeit rechtfertigt eine Stigmatisierung.
Intellektuelle Redlichkeit in der Analyse
Professionelle Lageeinschätzung bedeutet, Hypothesen nicht zu verteidigen, sondern zu prüfen. Neue Informationen müssen jederzeit dazu führen können, bestehende Annahmen zu korrigieren oder zu verwerfen.
Die Herausforderung besteht nicht darin, einer dieser Leitplanken Vorrang einzuräumen, sondern sie im Einzelfall miteinander in Einklang zu bringen. Professionelles Bedrohungsmanagement zeigt sich dort, wo Schutzinteressen, Fairness und eine sachgerechte Risikobewertung gemeinsam berücksichtigt werden.

Gefahrenquellen im Beurteilungsprozess
Diese Anforderungen sind anspruchsvoll, weil Risikobewertungen niemals im luftleeren Raum stattfinden. Sie werden von Menschen getroffen, die eigene Erfahrungen, Erwartungen und Emotionen mitbringen. Wer andere beurteilt, muss deshalb auch die Grenzen der eigenen Urteilskraft kennen.

Fehlbeurteilungen basieren selten auf fehlender Fachkenntnis. Häufig spielen unbewusste Denkfehler oder methodische Schwächen eine Rolle.

Verzerrungen durch soziale Bindungen
Die persönliche Bekanntheit einer Person, sei es im kollegialen oder hierarchischen Umfeld, kann den Blick auf die tatsächliche Risikolage beeinflussen. Dies kann sowohl zu einer Verharmlosung als auch zu einer übermäßig kritischen Bewertung führen. Organisatorische Sicherungen wie intra- oder interinstitutionelle Fallkonferenzen, oder unabhängige Zweitbewertungen können helfen, solche Einflüsse zu reduzieren.

Kognitive Verzerrungen (Biases)
Menschen neigen dazu, Informationen selektiv wahrzunehmen oder bestehende Annahmen unbewusst zu bestätigen. Solche Verzerrungen können dazu führen, Risiken zu über- oder zu unterschätzen. Die Auseinandersetzung mit eigenen Vorannahmen gehört deshalb zu den Grundlagen professioneller Fallarbeit.

Grenzen datenbasierter Analyseverfahren
Mit der zunehmenden Verbreitung KI-gestützter Systeme wächst die Versuchung, komplexe Entscheidungen stärker zu automatisieren. Solche Systeme können große Datenmengen auswerten und Muster erkennen. Die Bewertung individueller Lebenslagen, die Berücksichtigung situativer Besonderheiten sowie rechtliche und ethische Abwägungen bleiben jedoch menschliche Aufgaben. Technische Systeme können fachliche Einschätzungen unterstützen, sie ersetzen jedoch nicht die Verantwortung der handelnden Personen.

Risikominimierung durch Integration statt Ausgrenzung
Eine wesentliche Stärke professioneller Präventionsarbeit zeigt sich in der Wahl der Interventionsform. Nicht jede Risikolage erfordert dieselben Maßnahmen. Die Wirksamkeit von Interventionen hängt davon ab, ob sie den konkreten Umständen und den zugrundeliegenden Problemlagen gerecht werden.
Ein ausschließlich repressiver Ansatz, etwa die sofortige Kündigung, Hausverbote oder die soziale Isolation einer Person in einer akuten Belastungsphase, kann zusätzliche Risiken erzeugen. Der Verlust stabilisierender sozialer Kontakte oder bestehender Unterstützungsstrukturen sollte deshalb in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.
Wirksame Gefahrenabwehr setzt deshalb, wo immer möglich, auf Deeskalation, Kommunikation und die Stärkung vorhandener Schutzfaktoren. Ziel ist es, problematische Entwicklungen frühzeitig zu unterbrechen, ohne Betroffene auf Krisen oder Verhaltensweisen zu reduzieren.
Dazu gehört auch ein bewusster Sprachgebrauch. Kategorisierungen, die Personen bereits vor einer Tat festlegen oder dauerhaft definieren, widersprechen den Grundsätzen eines rechtsstaatlichen und fairen Verfahrens.

Fazit
Prävention lebt von dem Anspruch, mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig verlangt sie die Einsicht, dass menschliches Verhalten nie vollständig vorhersehbar ist. Genau daraus entsteht die besondere Verantwortung des Bedrohungsmanagements.
Erfolgreiche Prävention misst sich deshalb nicht allein daran, dass Krisen oder Gewalttaten ausbleiben. Sie zeigt sich ebenso in der Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden: sorgfältig, verhältnismäßig und respektvoll gegenüber allen Beteiligten.
Wer Sicherheit schaffen will, braucht fachliche Kompetenz und analytische Sorgfalt. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, eigene Annahmen immer wieder zu hinterfragen und Unsicherheiten offen anzuerkennen. Bedrohungsmanagement ist deshalb mehr als Risikokontrolle. Es ist der Versuch, Gefährdungen zu reduzieren, ohne dabei die Menschen aus dem Blick zu verlieren, um die es letztlich geht.

Gleichzeitig belasten weiterer Stellenabbau und innerdeutsche Krisen wie, steigende Benzinpreise und politische wie wirtschaftliche Unsicherheiten viele Menschen spürbar im Alltag. Eine echte Phase der Entspannung hat es seit der Corona-Pandemie nicht mehr gegeben. Die Folge ist eine zunehmende Verunsicherung – und leider auch eine spürbare Verrohung im gesellschaftlichen Miteinander.

Diese Entwicklungen machen auch vor Unternehmen nicht halt. Insbesondere Mitarbeitende an den Kundenschnittstellen erleben die veränderte Stimmungslage unmittelbar. Der Schutz und die Unterstützung dieser Kolleginnen und Kollegen werden damit zu einer wichtigen Aufgabe. Gleichzeitig stehen Unternehmen unter erheblichem Kostendruck, sehen uns mit Strukturveränderungen und der Herausforderung durch KI konfrontiert und müssen dennoch Vertrauen und Stabilität gewährleisten.

Gerade in dieser Situation zeigt sich, wie entscheidend das Zusammenspiel unserer internen Akteure ist. Führungskräfte, Sicherheitsverantwortliche, Betriebsräte sowie die Bereiche Compliance, HR und Legal – insbesondere im Arbeits- und Strafrecht – tragen gemeinsam Verantwortung. Es geht darum, Orientierung zu geben, Risiken frühzeitig zu erkennen – auch im Hinblick auf potenzielle Innentäter – und klare, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Doch auch über die Grenzen des Unternehmens hinaus wird Zusammenarbeit immer wichtiger. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation kann nur gelingen, wenn Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Sicherheitsbehörden eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Der Austausch von Informationen, abgestimmte Maßnahmen und ein gemeinsames Verständnis für die aktuellen Herausforderungen sind entscheidend, um wirksam auf die veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren.

Nur durch dieses abgestimmte Miteinander – intern wie extern – können wir einen stabilen Rahmen schaffen. Einen Rahmen, der unsere Mitarbeitenden schützt, ihnen Sicherheit gibt und gleichzeitig die unternehmerische Handlungsfähigkeit bewahrt.

Die Herausforderungen sind groß – aber gemeinsam können wir ihnen begegnen.

Eure Claudia (Brandkamp) und Ibrahim (Karakus)

Kommentare hierzu bitte an: Redaktion@forum-bedrohungsmanagement.de


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